Mittwoch, 31. August 2011

Samstag, ein schrecklicher schöner Tag

Ja, schrecklich. Über der Skyline von Hildesheim spielte jemand mit der Duscharmatur herum. Es gab keine Möglichkeit, sich auf irgendwas einzustellen. Wir waren selbstverständlich mit den Kindern in der Stadt unterwegs. Schönes Wetter, guter Parkplatz - wir ließen Regenschutz für den Kinderwagen und für uns (Schirm) im Auto. Ist ja nicht weit ... bei Sonnenschein. Im Regen, der nach einer halben Stunde einsetzte sah das schon anders aus. Meine drei Mädels fanden im Hoken Schutz vor dem Schauer und ich spielte den männlichen Retter, der sich aufmachte Schirm und Schutzfolie zu holen. Dann warteten wir, bis das Gröbste in der Kanalisation verschwunden war. Währenddessen begannen die Kinder aus Langeweile und Hunger zu quengeln. Als wir endlich zur nächsten Straßenecke weiterlaufen konnten, war dort kein Künstler, der unsere Kinder hätte ablenken können. Auch am Huckup war nichts mehr los - Bühnenwechsel beim Hildesheimer Pflasterzauber. Doch es kündigte sich eine todsichere Killerapplikation im Bereich des Kinderbespaßens an: Ein Jongleur der Musik macht! Aber unsere Kleine interessierte das nicht die Bohne, sie hatte eher Interesse an Bohnen oder anderem Essbaren. Also Essen. Musste der britische Italiener unbedingt mit seinen lahmsten Nummern anfangen? Die Große war nicht begeistert, kaute abwechselnd auf dem von uns gereichten Essen und ihren Fingern herum. Ich fühlte mich ein wenig wie ein Tellerdreher, von dem ich in diesem Jahr keinen beim Pflasterzauber ausmachen konnte. "JaKleineHierEndlichDerNächsteLöffelIssWeiterGroßeNichtDieFingerKannIchJetztAuchWasEssenPassAufDassDasNichtRunterFälltJaKleineWasZuTrinkenNimmDieFingerAusDemMundNeinNurDerMannAufDemDreimeterEinradDarfMitScharfenMessernJonglieren..." Endlich fertig mit Essen war der Jongleur von einer Folk-Metal-Irgendwas-Combo abgewechselt worden - zu laut für unsere zartbesaitete Große. Also weiter. Vielleicht schaffen wir noch diese Musiker hinter dem Van der Valk. Mist, die packen gerade ein. Was jetzt? Pause! Immerhin hatte es bislang nicht mehr geregnet.

Und dann wurde es richtig schön. Es zogen wieder Wolken auf. Na und? Tabea hatte entdeckt, dass die Musiker, die gerade aufbauten, eine Geige dabei hatten. Und so einen weißen Stock in den der eine zum Proben immer hineinbiss: "Silber, hatte ich dir doch gezeigt, was der Unterschied zwischen silber und weiß ist. Und er pustet da rein und beißen tut der bestimmt nicht, schau wie fröhlich er Musik macht - Irish Folk eben, oder sowas ähnliches. Das ist kein Stock, das ist eine Querflöte." Dann ging es endlich los. Rebecca fing sofort auf meinem Arm zu wippen an. Ich tanzte mit ihr ein wenig, bis beim dritten Stück der Regen wieder einsetzte. Sheelanagig mussten leider ihre Technik, ihre Instrumente und sich selbst in Sicherheit bringen. Bevor das Foyer des Van der Valk sie endgültig einsaugen konnte, war es mir noch möglich eine CD zu erwerben. Prima Schreibmusik. Ich beschwerte mich mit einem Augenzwinkern, was denn jetzt aus meinen Gratis-Songs würde. Um 20.00h würden sie noch mal spielen. "Dann singe ich selber, während ich meine Kinder ins Bett bringe", erklärte ich. "Sehr gut", sagte der Brite, um den herum ein halbes Dutzend volle Halbliter-Bierkrüge herum standen. "Dann kannst du endlich saufen." "Nein danke, ich werde singen und wie es aussieht wirst DU saufen." Lachend brachten wir uns in Sicherheit, er ins Van der Valk und ich zu meinen Mädels unter die Galerie unter der auch die anderen wartenden Hildesheimer trockneten. Es schüttete, doch es war weder ein Fluchen, ein Schmollen oder ähnliches zu hören, noch sah man verzerrte Gesichter, die nicht gleichzeitig Lachfältchen um die Augen herum offenbarten. Offenbar erzeugte das miese Wetter und der frühe Abbruch des allerseits begeistert aufgenommen Kurzkonzertes der Folk-Musiker nicht den geringsten Abrieb an der guten Laune der Leute um uns herum. Das schloss mich komischerweise mit ein, obwohl es jetzt schwieriger wurde, meine Töchter bis zur nächsten Veranstaltung in einer Dreiviertelstunde auf engstem Raum zu beschäftigen. Wir wussten ja noch nicht, dass das Warten sich richtig fett für uns lohnen würde. Ein paar Erklärungsversuche Tabea gegenüber später, was denn ein Hotel sei, kündigten sich die neuen Künstler hinterm Van der Valk an. Feuerkünstler! Das Duo Feuerfarben tanzte mit verschiedenen brennenden Requisiten unterhaltsam zu netter Musik. Als Höhepunkt empfanden viele die Darbietung mit den glühenden Kohlen in kleinen Gitterzylindern mit denen der Tänzer Funken sprühen ließ. Doch noch mehr faszinierte mich die offensichtliche Begeisterung, mit der die Tänzerin tanzte. Für sie schien das Tanzen klar im Vordergrund zu stehen und nicht das Feuer. Natürlich unterhielt sie offensichtlich gerne die Leute, doch ich hatte den Eindruck, dass ihr Lächeln hauptsächlich aus ihrer Freude an der formvollendeten eleganten Bewegung kam. Als ich sie nach der Vorstellung auf ihre offensichtliche Tanzleidenschaft ansprach, hatte ich für den Bruchteil einer Sekunde den Eindruck, ein kleines Mädchen vor mir zu haben, das schüchtern mein Lob wie einen großen Schokoladenkeks entgegennahm, obwohl neben ihr bereits eine riesengroße Torte aus Publikumsapplaus stand. Shanjanah Steidl schien sich positiv ertappt zu fühlen, dass ihr bloßes Tanzen noch wichtiger war als Feuertanz. Erst ihre Leidenschaft hat für mich das Zuschauen von bloßer Effektegafferei auf die Ebene des künstlerischen Genusses gehoben. Doch der Pflasterzauber schien jetzt bei seiner Ehre gepackt noch einen draufsetzen zu wollen. Auf dem Weg zum Auto machten wir noch einen kleinen Abstecher zum Huckup. Dort hatten gerade die Stickbrothers angefangen zu spielen. Rhytmische Jonglage. Mal sehen ... und hören. Ein Mann am Schlagzeug, zwei Männer, die mit Stöcken und überdimensionalen Jojos um ihn herumwirbeln und zu den Beats die tollsten Tricks präsentieren. Meine schüchterne Tabea hat es sogar bis nach der Zugabe in der vordersten Reihe ausgehalten und schien vollauf begeistert. Rebecca drängte von hinten, so dass ich sie die ganze Vorstellung halten musste. Solange sie etwas sah, war sie wie hypnotisiert - wie wir alle. Unser Hildesheimer Cla:s the Spoonman ergänzte das Schlagzeug mit seinen Löffellauten, als gehörte er schon immer zu den Stickbrothers. Eine tolle Vorstellung. Und das in einer tollen Stadt. Ich liebe es. Diese winzige Großstadt scheint kulturell gesehen eher eine kleine Metropole zu sein.

Donnerstag, 25. August 2011

Verrückt sein, um nicht verrückt zu werden

Meine beiden Mädels machen bisweilen die schrägsten Geräusche. Da wird gebrabbelt, gesummt, gedudelt, geprustet, gequatscht und geschlürft. Es gibt Tage, da läuft mir die Audiokulisse die Ohrläppchen herunter, weil einfach nichts mehr an Hammer und Steigbügel vorbeipasst. Es ist nicht unbedingt die Lautstärke, die anstrengend ist, sondern der konstante Druck, der auf meinen Trommelfellen lastet. Manchmal fühle ich mich wie ein Smartphone mit großem Display, auf dem permanent herumgewischt wird. Der Bildschirm geht davon zwar nicht kaputt, aber die Akkuladung macht das nicht lange mit. So geht's mir mit meinen Nerven. Irgendwann kommt die physikalische Belastbarkeit meiner Nervenbahnen an ihr Ende. Und ich kann nichts dagegen machen, wenn es bereits so weit fortgeschritten ist. Nicht, dass ich gleich ausraste, oder zu heulen anfange oder sonstige explodierende Emotionen an den Tag lege. Aber die CPU geht in die Knie. Alles was mehr als langsame Bewegung fordert geht nur noch in Zeitlupe. Sonst würde ich wirklich ausrasten.

Doch so weit möchte ich es ja gar nicht erst kommen lassen. Und dafür habe ich eine Strategie entwickelt, die ich mir aus der Feuerbekämpfung abgekupfert habe. Ich neutralisiere die verrückten Geräusche mit verrückten Geräuschen. Papa brabbelt einfach mit. Ich dudele und quatsche, summe und pruste mit meinen Kids um die Wette. Ich schlürfe, schluchze und quake. Eigentlich fing ich damit vor lauter Verzweiflung aus einer "Menno!-Laune" heraus an einem besonders stressigen Tag an, doch wundersamerweise entpuppte sich dieses Handeln als Befreiungsschlag. Die Kindern lauschten jetzt eher Papas putzigen Lauten, als selbst welche zu machen. Und dann ging die Sonne auf. Sie schmunzelten, grinsten und fingen an zu lachen. Die Reaktion meines Körpers war verblüffend. Auf das sonnige Lachen, Glucksen und die glücklichen Augen meiner Mädchen reagierte der wie eine Photovoltaikanlage. Mein Körper tankte Energie statt sie zu verbrauchen. Wenn mir jetzt mal wieder die nervliche Puste auszugehen droht, hole ich tief Luft und fange an verrücktes Gedudel und Gesumme von mir zu geben um nicht verrückt zu werden.

Mittwoch, 3. August 2011

Mehr als 70 Prozent Wasser

Gestern unter der Dusche. Nein, unter der anderen, denn die Kinder schliefen. Hier leider nur so ein dreiundzwanzigcent-Duschkopf. Der kann nur hart. Für ein gemütliches Nachdenk-Plätschern musste ich ihm seine Düse wegschrauben. Jetzt ergoss sich das Wasser sanft, warm und wohltuend über meine Haut. Angenehm, ausklingend, ausschwingend, anregend, anschaltend, aktivierend. Der kleine Junge in mir konnte sich nicht verkneifen, einmal fest die Hand auf den düsenlosen Duschkopf zu pressen. Mal sehen, ob ich Hände wie Ventile habe und den Wasserfluss mit meinem Körper stoppen könnte. Keine Chance. Irgendwo fand das Wasser immer einen Weg.

Ganz anderes Thema - scheinbar. Am Tisch beim Essen. Ich berichtete von einem Kommentar auf einen Artikel bei Spiegel Online. Es ging um den Ursprung der enormen Schuldenlast der USA. Die Meinung eines Lesers: "Arm/Reich Schere" und überhaupt wie großzügig man dem Großkapital in aller Welt begegnete, siehe Bankenrettungen usw. Dazu fiel mir ein, dass zwar ständig allerlei Anstrengungen unternommen werden, um Kapital im eigenen Markt und eigenen Land zu binden, doch der Kapitalfluss sich immer den Weg des geringsten Widerstandes, sprich: den des besten Verhältnisses aus Rendite und Steuern, sucht. Sind nicht überall auf der Welt die Hürden für das Geld gleich groß, nimmt es immer die niedrigste. Natürlich stehen dahinter Menschen, die sich für ihr Geld immer die günstigsten Bedingungen aussuchen. Meine Frau fasste schließlich den Gedanken zusammen und sagte: "Menschen sind also wie Wasser."

Klar, wie unter der Dusche heute morgen, dachte ich. Es sind wir Menschen, die es in unserer Natur zu haben scheinen, uns wie Wasser immer den Weg des geringsten Widerstandes zu suchen. Daher auch die Redewendungen. Menschenmassen strömen herein. Für kritische Stellen wie Gebäudeeingänge werden Fluss-Analysen erstellt. Zu schlecht besuchten Veranstaltungen tröpfeln die Besucher lediglich. Auch der Fußgängerverkehr fließt, oder eben nicht. Durch Menschenmassen gehen manchmal Wellenbewegungen. Bei Panik können Menschen auch mal auseinanderspritzen. Oder wie eine Flut über die Verkaufstische des Schlussverkaufes hereinbrechen. Dabei ist die Metapher durchaus auch in positiver wie negativer Weise vielfältig. Menschen können sich wie normales flüssiges Wasser, aber auch wie gefrorenes Eis oder Wasserdampfnebel verhalten.

Flüssig nehmen sie jeden Raum ein, den sie kriegen können und beanspruchen ihn ganz für sich. Sie kriechen noch in die hinterste Ecke um sich ausbreiten zu können. Sie spülen geringen Widerstand einfach weg, lassen sich auch von Grenzen nicht aufhalten, wenn sie genügend Macht besitzen. Haben sie zudem noch Zeit, fräsen sie sich auch durch die härtesten Hindernisse. Fließen sie mit hoher Energie werden sie alles in ihrem Bereich beeinflussen. Kleine Steinchen in ihrem Weg werden rundgeschliffen, damit sie ihren Weg nicht zu sehr verwirbeln können. Doch "flüssige" Menschen können auch lebensspendend sein, können Nährstoffe und Feuchtigkeit transportieren. Sie können Durst löschen und vom Dreck reinigen. Sie können andere huckepack vorwärts bringen. Sanft wispern und wohltuend herabregnen ist den Menschen ebenso möglich, wenn sie nicht mit zu viel Gewalt auftreten. Und kühlen.

Das geht noch viel besser im festen eisförmigen Zustand. Doch dieser Wesenszug kann auch als unterkühlt und abstoßend wahrgenommen werden. So brechen diese Menschen lieber, als sich anzupassen. Sie ködern dich mit sublimierenden Ausdünstungen, lassen dich dann kaum noch los und fangen an, dich in den gleichen starren Zustand zu verwandeln, so wie man mit der Zunge am Eis kleben bleiben kann. Sie nisten sich als weiches Wasser in kleinen Hohlräumen ein und sprengen dann mit ihrer Starrheit die Umgebung um sich herum. Doch ein "eisiger" Mensch kann auch in der Sonne glitzern und auf inspirierende Weise das Licht brechen. Er kann sich schützend um zarte Knospen legen, oder als wunderschöne filigrane Schneeflocke sanft auf seine Umgebung niedersinken und sie so sogar warmhalten. Er kann als Iglu ein schützendes Zuhause bieten. Und natürlich kann er Kühle spenden, aber so auch konservieren - Lebensmittel, Transplantate, abgetrennte Lebensbestandteile ...

Dann wären da noch die nicht greifbaren "Wasserdampfler". Sie sind überall und nirgends. Machen - mir zumindest - das Leben schwer, indem sie die Atmosphäre mit Schwüle schwängern. Sie vernebeln dir die Sicht, gaukeln dir undurchdringliche Schwierigkeiten vor, die nicht da sind, schüchtern dich ein, verbreiten bedrohliche Stimmung. Doch auch sie können gut: Sie hüllen dich von allen Seiten ein und geben dir Wärme, reinigen dich sogar wie in einer Sauna, wenn du es zulässt. Sie lösen besonders sanft die Verkrustungen des Lebens. Dabei ist ihre Hitze die schonendste. Wie beim Dünsten von Lebensmitteln bleibt nicht so viel von ihnen bei dir hängen, außer der Wärme - sie dringen nicht so tief in deine Persönlichkeit ein, verwässern dich nicht. Sie können hochsteigen und dann als befruchtender wohlmeinender Regen auf dich herablächeln. Solche Menschen werden manchmal als "gute Seele" bezeichnet. Sie sind überall und nirgends, doch immer wirken sie unbemerkt da, wo sie gebraucht werden, sanft und behutsam auf ihre Umwelt ein.

Doch Menschen sind wie Wasser. Ich kann die selben zwei Liter Wasser im Eisfach zu einem Block gefrieren lassen, sie wieder auftauen und dann kochend verdunsten lassen. Mich gibt es auch mal in dem einen, mal in dem anderen Aggregatzustand. Ich hoffe, ich bin dabei weniger starr und brachial und mehr sanft und belebend zu meiner Umwelt, meinen Mitmenschen - zu dir.

Mittwoch, 27. Juli 2011

Jetzt weiß ich, warum ...

... es sind die Hummeln! Doch ich hätte sie lieber im Hintern, als in meinem Kopf. Hunderte brummen mir durch den Schädel. Kein Wunder, dass mir zur Zeit - wie beschrieben - Entscheidungen nicht leicht fallen, es stehen Dutzende davon an. Als pummelige pelzige Insekten schwirren sie in meinem Kopf von Pro zu Kontra und wieder zurück. Es geht dabei um Kleinigkeiten wie den Essensplan, ob die Kleine noch ein Fläschchen Milch bekommt, oder der Brotkanten mit Marmelade und Käse und das Stück Paprika ausreichen. Ob wir für die kleine Maus in der Küche eine Standard-Genickbruch-Falle für drei Euro oder lieber das lebenserhaltende Modell für viereuroachtzig kaufen sollen (Die Maus hat ihren Rauswurf überlebt und pirscht jetzt irgendwo durch die Feldmark). Ob wir warten, bis Mama nach Hause kommt, oder schon mit dem Abendessen beginnen. Doch es geht auch um größere Kleinigkeiten. Sollen wir die Zimmer umräumen, so dass die Große ein eigenes erhält? Sollen beide Kinder zusammen in einem Raum schlafen, wie unsere Große es wünscht, obwohl sie immer wieder von ihrer kleinen Schwester geweckt wird? Soll das Büro dann lieber ins Schlafzimmer oder ins Archiv-Zimmer? Die dicksten und lautesten Hummeln fliegen im Moment jedoch mit Schildern durch mein Hirn auf denen Folgenschwereres steht. Müssen wir nur den Beruf oder uns beruflich gleich ganz neu ausrichten? Müssen wir unseren Lebensmittelpunkt verlegen, ein wenig oder ganz weit weg? Müssen wir einige unserer Beziehungen verändern oder gleich ganz abbrechen? Sollen wir noch eine ganz neue Beziehung zu einem ganz neuen Menschen beginnen?

Im Augenblick warte ich darauf, einen Anhaltspunkt, einen Hinweis für wenigstens manche dieser Fragen zu erhalten. Vielleicht gibt es in diesem Gesumme eine versteckte Frequenz, eine Art verborgenes Muster, das alle Fragen auf einmal beantwortet...

...Hm.

...noch immer nichts.

Naja, solange die Viecher nicht anfangen zu beißen, haben wir noch Zeit. Die verbringe ich jetzt damit, Wege für die Hummeln zu meinem Hintern zu suchen. Denn ist die Richtung klar, möchte ich vorbereitet sein. Ich stehe in den Startlöchern und warte aktiv auf die Insekten-Initialzündung. Die meisten Möglichkeiten sind ausgelotet, doch eine uns mögliche ist bislang nicht darunter.

So, ich widme mich jetzt wieder meinen entomologischen Studien, um schließlich eine Entscheidung treffen zu können. In Ersterem war ich schon immer gut. Hey, ich könnte doch eine Art Hummeln-im-Kopf-Kammerjäger werden. "Auf Grund meines Studiums ihrer speziellen Hummeln kann ich ihnen sagen: Sie haben drei Möglichkeiten, die Hummeln in ihren Hintern zu bekommen - jenen, den dort und diesen hier, welchen wählen sie?"

Sonntag, 24. Juli 2011

Schrecklich, grausam, furchtbar

Verzweiflung, Fragezeichen, Wut, Trauer, Ohnmacht, Mitgefühl, Unverständnis, Zorn ... Ich könnte den halben Duden in diesen Absatz entleeren, doch die Leere in mir wird dadurch nicht gefüllt werden. Zwei Tage sind jetzt seit dem Morden in Norwegen vergangen. Eine "grausame Notwendigkeit" nannte der Attentäter seine Taten in ersten Vernehmungen.Welche Not sollte denn hier gewendet werden? Seine Not, die er mit anderen Kulturen hatte, die seiner Meinung nach in Norwegen einsickerten? Und da bringt er Leute um, die offen für andere Kulturen sind?

Als ob man auf diese Weise eine Kultur stoppen könnte. Da bedürfte es schon eines erfolgreichen Hitlers. Der war aber - GOTT SEI DANK! - nicht erfolgreich. Er sah die arische Rasse als überlegen an. Das scheinen in Europa und anderswo auf der Welt immer noch, und leider zur Zeit auch immer mehr Leute zu denken. Sie denken, es gäbe überlegene Kulturen. Da Kulturen ohne Menschen nicht funktionieren, sie erst durch Menschen entstehen, ausgestaltet werden, denken diese Leute also, es gäbe überlegene Menschen.

Worin glauben diese Leute sich oder bestimmte Menschen überlegen? Sind sie körperlich leistungsfähiger? Witzigerweise sind die körperlich leistungsfähigsten Sportler der Welt nicht selten welche mit Ahnen vom afrikanischen Kontinent. Denken die "Überlegenen", einen größeren Intellekt zu haben? Wieso werden dann überall auf der Welt schlaue Menschen geboren und überall dort, wo Bildung gefördert wird, ebenso intelligent Leben gestaltet wie anderswo? Lustigerdings zählen ausgerechnet einige der intelligentesten Menschen zu den nicht ganz Gesunden. Hochbegabte sind nicht selten emotional als eingeschränkt oder sogar direkt als behindert eingestuft. Die verblüffendsten intellektuellen Leistungen bringen Autisten mit ihren nicht ganz normalen Hirnwindungen zustande. Dabei sind einige von ihnen, so dramatische Dinge sie auch tun oder denken können, alleine nicht überlebensfähig. Bleiben noch die Sinne. Können "Überlegene" weiter und schärfer sehen, Leiseres hören, schwächere Vibrationen spüren, mit Geruch und Geschmack noch die kleinsten Nuancen erfassen? Nein, denn das können Menschen in "primitiven" Kulturen häufig besser, als wir zivilisierten Rumballerer. Auch körperlich Behinderte, die in einer Wahrnehmungsart stark eingeschränkt sind, entwickeln meistens einen anderen Sinn bis zur Perfektion. Das kann man sogar lernen. Beispielsweise Echoortung wie bei Fledermäusen. Blind!

Na gut, es geht ja auch um Kultur, nicht nur um köperliche Potenzen. Doch warum gibt es auf der ganzen Welt Leute, die jeweils ihre Kultur für anderen überlegen halten? Mal rassistisch nationalistisch, mal religiös fundamentalistisch motiviert. Man kann Wettkämpfe zwischen Kulturen veranstalten, um herauszufinden, wer denn augenblicklich die Nase vorn hat, doch müssen erst einmal Kriterien her. Es gibt solche Kriterien bereits zu Tausenden. Sie haben so lustige Namen wie "Mister Universum", "Hot-Dog-Wettesser", "Handy-Weitwerfer", "Fußballweltmeister", "Tour-de-France-Gewinner", "Schachweltmeister", "Poetry-Slammer", "Nobelpreisträger". Richtig, es gibt bereits jede Menge Wettkämpfe, in denen sich Menschen, Kulturen und Nationen messen und es sind sowohl körperliche und mentale, als auch kreative und soziale Kriterien Wettkampfgegenstände. Ausdauer, Konzentration, Kraft, Teamplay, Witz, Fleiß, etc.

Das sind natürlich nur ganz kleine Ausschnitte aus einer Kultur, die hier auf "Überlegenheit" getestet werden. Doch mit welchem Kriterium möchte man eine Kultur, ein Volk, eine Rasse in seiner Gänze beurteilen? Ist es die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit? Sind es die olympischen Spiele, muss man die erhaltenen Nobelpreise zählen, oder die gewonnenen Kriege, ist die Fläche des kontrollierten Territoriums ausschlaggebend, die Kriminalitätsrate, die ewige Bestsellerliste der Autoren, die Kindersterblichkeit, die Zahl der Armen, der Parks, der Atomkraftwerke, der Polizisten pro Einwohner? Was, wonach soll man urteilen? Augenfarbe? Änderbar! Abitur? Abschaffbar! Alkoholkonsum? Abflussbar!

Durch die gesamte Geschichte gab es immer wieder führende, scheinbar überlegene Kulturen. Viele dieser Kulturen, die bisweilen ganze Kontinente beherrschten, haben heute beinahe nur noch archäologische Bedeutung. Sie sind nicht einfach verschwunden, sondern sind aufgesogen worden von anderen Kulturen, absorbiert, adaptiert, verändert, weiterentwickelt. Die USA zum Beispiel, sind eine riesige Suppe aus verschiedenen Kulturzutaten und haben dennoch einen ganz eigenen kulturellen Geschmack. Dennoch ist die amerikanische Kultur in ihrer heutigen Form extrem jung. Geboren aus Abenteurern, nach Glaubensfreiheit Suchenden, Hungernden, Goldgierigen und anderen Gruppen von Menschen, hat die amerikanische Kultur ein paar identifizierbare Bestandteile, die sie auch heute noch mitprägen. Und doch verändert sich deren Einfluss. Keine Ahnung wie, lies halt noch den Blog eines Soziologen. Doch jede Kultur verändert sich weiter, egal wie jung sie ist. Ständig und immer. Wir "Deutschen" waren einmal ein sehr selbstbewusstes stolzes Volk, bis wir zudem noch überheblich wurden. Wir haben aus dem Wettstreit der Kulturen, aus einem Wettkampf einen Wettkrieg gemacht. Sogar ich habe noch in meiner Erziehung auf Nationalstolz verzichten müssen. Das änderte sich erst 2006, als ich FußballUNbegeisterter das große fröhliche Fußballfest mitgefeiert habe, nicht weil ich angesteckt wurde, sondern weil es irgendwie Zeit war, sich nicht mehr zu verstecken für das was man als Deutscher gewesen ist und zu dem zu stehen, was man jetzt als Deutscher ist. Ich denke, ein gesunder Nationalstolz, ist einer, der nicht krank macht, nicht kaputt macht, sondern heile. Einer, der zusammenbringt, zusammenschweißt und nicht auseinenader. Ich kann vor Nationalstolz und Stolz auf meine Kultur nur so strotzen und mich dennoch über, an und in andere(n) Kulturen freuen. Die wahre Stärke einer Kultur, eines Menschen besteht nicht darin, die Schwächen anderer auszunutzen (zum Beispiel die vertrauensvolle Offenheit von Multi-Kulti-Leuten), sondern wahre Stärke besteht darin, die eigenen Schwächen zu ertragen. Wer sich klein fühlt, kann entweder den anderen klein machen, um sich größer zu fühlen, oder er kann seine Größe akzeptieren. Ersteres macht ihn auch nicht größer, Zweiteres macht ihn wenigstens innerlich, moralisch größer.

Aus meiner Sicht gibt es keine überlegenen Kulturen, sondern lediglich unterlegene und jene, die nicht unterlegen sind. Eine unterlegene Kultur, ist für mich die, die sich für so erbärmlich hält, dass sie es für nötig erachtet, andere klein zu machen, um weniger armselig zu wirken. Dabei kommt die Armseligkeit oder auch Nicht-Armseligkeit einer Kultur niemals aus dem, wie sie ist, sondern entsteht erst dadurch wie sie mit anderen umgeht. Ironischerweise würde eine Kultur demzufolge genau in dem Augenblick zu einer unterlegenen, wenn Fanatiker sie zur überlegenen erklären.

Leider läuft das auch häufig im kleineneren Rahmen. Doch dazu später mehr.

Norwegen, ich trauere mit euch. Um all die Menschen, die aus euren Beziehungen gerissen wurden, um all die plötzlich leeren Plätze in euren Herzen und um all diejenigen, das insgeheim toll finden, weil sie solche Beziehungen vielleicht selbst nie so richtig erlebt haben, sich so bedroht fühlen von der Freiheit.

Freitag, 22. Juli 2011

Ich weiß, wer meine Kinder sind

Klingt unspektakulär. Ein Vater sollte seine Kinder kennen, wenn er mit ihnen zusammenlebt. Falls nicht, hilft noch immer der Blick in den Ordner, der gleich nach den Kindern aus dem brennenden Haus getragen wird - den mit den "Papieren". Die Geburtsurkunden verraten: Tabea Berenike und Rebecca Belana. Hey, jetzt erinnere ich mich auch an die Entscheidungsschlacht: Rebecca mit doppeltem "k" oder "c"? Ich kenne aber nicht nur meiner Töchter Namen, sondern ich kenne ihren Charakter. Klingt dämlich oder? Kennte ich ihre Persönlichkeit nicht, sollte ich mich fragen lassen, was ich den ganzen Tag zu Hause mache. Sperre ich meine Kinder in die Waschmaschine und werfe ab und zu eine Reiswaffel ins Pulverfach? Und wenn meine Frau nach Hause kommt wiege ich sie dann etwa sanft im Arm und flüstere leise "Sie schlafen schon.", dabei halte ich sie betäubt? Niemals!

Das "Kennen" von dem ich rede halte ich für ein kleines Wunder, das über den Namen und die Persönlichkeiten, denen ich jeden Tag begegne, weit hinaus geht. Bevor sie Lächeln konnte schrieben wir für Tabea, die Ältere, einen Segensspruch. Ebenso taten wir das später für Rebecca. Wir hatten damals bereits nach wenigen Tagen ein Bild vom Wesen unserer Töchter vor Augen. Dieses Bild hat sich bis heute nicht geändert. Das halte ich für das Wunder. Mag sein, dass es vielen Eltern so geht. Na und, dann ist es eben die Elternschaft die gleichermaßen wundersam, wunderbar und wundervoll ist. Seit der Geburt meiner Töchter könnte ich mich hinsetzen und eine ungefähre Lebensgeschichte für jede von ihnen schreiben. Dabei gibt es natürlich austauschbare unwichtige Details wie Studieren oder Ausbildung, Deutschland oder Ausland, etc. Aber den Menschen, der den Weg gehen wird, den habe ich so klar vor Augen, dass mir manchmal schwindelig wird. Ich habe das große Glück, meine Töchter schon jetzt nicht nur als die lieben zu können, die sie sind, sondern auch als die, die sie sein werden.

Eine Herausforderung dabei wird sein, ihnen die Weiterentwicklung zu gestatten. Ich beurteile sie, aber ich darf sie nicht festlegen. Trotz meines klaren Bildes von Ihnen darf ich nicht rumzicken, wenn sie auf meinem Bild wie auf dem Wohnzimmertisch herumkritzeln und mir versichern, dass ihr Bus nun einmal aus einem Kringel besteht. Dabei hilft mir bislang, dass ich von meinen Töchtern bisher nie dachte, sie gehören mir, sondern allenfalls, sie gehören zu mir. (Von "Sie gehorchen mir" will ich lieber nicht reden...) Bei Tabea hat es viele Monate gedauert, bis ich nicht mehr bei jedem Klingeln an der Haustür befürchtete, ihre wahren Eltern holen sie jetzt wieder ab und bedanken sich für die Zeit, die ich mit meiner Frau für Tabea gesorgt habe. Lange, bis ich begriff, dass sie tatsächlich zu mir gehört und ich dabei zusehen und mithelfen darf, dass dieser wunderbare Mensch aus ihr wird, den ich schon heute in ihr sehen kann.

Es hat ein wenig von Kunst. Der Künstler hat ein klares Bild von seinem entstehenden Kunstwerk. Das hilft ihm, die Statue, das Gemälde oder den Text in diese Richtung zu modellieren. Und doch wird es ihn an manchen Stellen überraschen, sich ihm letztlich hier und da anders präsentieren, als von ihm erwartet. Deshalb haben viele gute Künstler eine Beziehung zu ihren Kunstwerken, weil sie diese nicht einfach erschaffen, sondern sie sich unter ihren Händen entwickeln. Das hat etwas Lebendiges.

Bei einem Menschen, bei meinen Töchtern, ist es zwar ähnlich, und doch genau anders herum. Sie entwickeln sich von selbst und ich modelliere nur hier und da ein wenig nach, damit sie später besser durchs Leben kommen und nicht an so vielen Stellen anecken.

Dienstag, 19. Juli 2011

Schon wieder entscheiden

War ja klar! Normalerweise stehe ich vor der schwierigen Entscheidung: Pest oder Cholera. Bevor ich mich zu einer Entscheidung durchringen kann, wird mein Leben von der "Kohle rar" befallen - was aufs Gleiche rauskommt.

Dieses Mal ist es jedoch anders. Endlich geht es um zwei positive Möglichkeiten. Was die Entscheidung nicht leichter macht, aber weniger bedrohlich. Vor sieben Wochen habe ich meine VHS-Ausbildung zum Hildesheimer Stadtführer erfolgreich abgeschlossen. Doch anstatt es mir armem Auswahl-Gebeutelten leicht zu machen, haben die feinen Damen und Herren der Stadtführergilde gleich zwei Vereine, bei denen ich mich um Aufnahme bewerben kann. Beide arbeiten sie mit der Hildesheim Marketing zusammen, der früheren Tourist-Information. Die Stadtführergilde erhält die alltäglichen Führungsanfragen. "Hildesheim zum Kennenlernen", Unesco Welterbe, Kirchen, Kläranlagen (sic!) usw. Und dann gibt es da noch die Kostümführer. Sie haben sich eine historische Hildesheimer Figur herbeirecherchiert, eine passende Gewandung geschneidert und erzählen gemeinsam mit anderen Kostümführer "ihre" und andere Geschichten während eines einmaligen Spaziergangs durch Hildesheim. Sehr aufwendig, denn die Kostümführer nehmen nebenbei auch noch Schauspielunterricht und verkörpern nicht selten mehr als eine Person.

Ich wurde das Gefühl nicht los, dass beide Gruppen während der Ausbildung ein wenig um meinen Beitritt und den meiner männlichen Mit-Aspiranten buhlten. Zudem sind viele aktive Stadtführer wohl nicht nur von großer Weisheit und Wissen, sondern auch von "weißem Haar" bedeckt. Klar, wer hat schon Zeit für eine ehrenamtliche Tätigkeit, bei der morgens ein Anruf kommen kann, der zur Folge die komplette Ausbuchung des Nachmittags haben wird? Gerade bei den schauspielernden Kostümführer freuten sie sich auf all die potenziellen Mönche, Bürgermeister und Stadtwächter. Nur weil es bei mir mit einer ausgewogenen Ernährung und regelmäßiger körperlicher Betätigung momentan nicht so gut klappt, und weil mein Kopf aus meiner Frisur herausschaut, scheine ich bereits fest als Mönch eingeplant zu sein.

Ja, ich würde gerne durch Hildesheim führen und nicht nur Geschichte, sondern auch Geschichten erzählen. Doch es ist zeitaufwendig und nicht bar jeder Bar-Investition (Schneidern und Schauspielunterricht). Andererseits fände ich es faszinierend, Menschen Hildesheim vorzustellen und ihnen alles, was ich darüber weiß zu präsentieren - (also schon einiges, aber noch nicht nachfragesicher). Nach einigem Hin und Her, Für und Wider habe ich mich für beides entschieden! Ich werde die Menschen durch Hildesheim führen, aber nicht als Mitglied der Stadtführergilde, die ihre Aufträge von der Hildesheim Marketing bekommt. Meine Frau arbeitet zur Zeit als Immobilienmaklerin auch in Hildesheim. Wer bei ihr eine Wohnung mietet oder kauft bekommt eine privat-persönliche Führung mit mir durch Hildesheim im Wert von 60,- Euro dazu. Die erste Kandidatin, die von außerhalb nach Hildesheim ziehen wird, ist bereits ganz heiß auf die Führung. Zusätzlich werde ich mich - wenn eventuell auch nicht sofort - bei den Kostümführern um Aufnahme bewerben. Du ahnst, was mir dann blüht!? Richtig, noch mehr Entscheidungen.

Welche Figur nehme ich denn jetzt? Den Mönch, meinen geliebten Bürgermeister, den Pfarrer, einen Fürstbischof, Stadtwächter, Scharfrichter, Entdecker, Knochenhauer, Apotheker, Baumeister ...

Ich liebe Hildesheim für seine reiche Geschichte!